23. September 2019

Alkohol und Drogen am Arbeitsplatz: (k)ein Thema?

Alkohol wird ungern als Droge mit hohem Suchtpotenzial bezeichnet. Zu sehr ist er von der Gesellschaft akzeptiert, und alkoholische Getränke sind praktisch überall erhältlich. Doch der Alkoholmissbrauch stellt hierzulande nicht nur eine Gefahr für die gesundheitliche und soziale Integrität jedes Einzelnen dar. Er führt auch in der Arbeitswelt zu horrenden Kosten.

Zahlen sprechen für sich

So fallen gemäss dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) bei Unternehmen jährlich über 3,4 Milliarden Franken indirekte Kosten aufgrund von Alkoholkonsum von Mitarbeitenden an. Davon sind 1,2 Milliarden Franken auf die durch das problematische Trinkverhalten verminderte Produktivität und die vermehrten Absenzen und Unfälle unter Alkoholeinfluss zurückzuführen.

Langfristige Folgen der Alkoholsucht, wie frühzeitige Todesfälle, krankheitsbedingte Ausfälle und frühzeitige Pensionierungen, belasten die Wirtschaft laut BAG zudem mit 2,2 Milliarden Franken. Wegen des Ausfalls teils langjähriger Arbeitskräfte geht nicht nur Knowhow verloren. Diese Angestellten zu ersetzen, kostet die Unternehmen zusätzlich rund eine halbe Milliarde Franken pro Jahr.

Interessante Statistiken über die negativen Folgen von Alkohol am Arbeitsplatz hat auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2012 in ihrem Bericht «Alcohol and the workplace» publiziert: 

  • Kurzzeitiges, bewilligtes Fernbleiben von der Arbeit ist bei Personen mit einem problematischen Alkoholkonsum vier bis acht Mal häufiger.
  • 15 bis 25 Prozent der Arbeitsunfälle sind auf Alkoholkonsum oder den Konsum anderer psychoaktiver Substanzen zurückzuführen.
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass Angestellte mit einem Alkoholproblem einen Unfall verursachen, ist schätzungsweise drei bis vier Mal höher als bei anderen Angestellten.
  • Der Produktivitätsverlust einer Person mit einem Alkoholproblem wird laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) auf etwa 15 Prozent geschätzt.
  • Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt, dass weltweit drei bis fünf Prozent der Berufstätigen alkoholabhängig sind.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Pflicht

Die Verantwortung gegenüber den betroffenen Mitarbeitenden, wirtschaftliche Überlegungen und die Sorge um die Betriebssicherheit bewegen Geschäftsleitungen zunehmend dazu, Massnahmen zur Prävention und Bewältigung von Abhängigkeitsproblemen zu ergreifen. Die meisten Unternehmen haben heute klare Vorgaben und Richtlinien in Bezug auf Alkohol und Drogen am Arbeitsplatz. Der professionelle Umgang mit alkoholbedingten Problemen ist zu einem festen Bestandteil der Personalpolitik geworden – dazu sind die Arbeitgeber gemäss Unfallversicherungsgesetz auch verpflichtet. Der entsprechende Gesetzestext (Artikel 82 Abs. 1 UVG) schreibt ihnen vor, Sicherheitsanordnungen festzulegen. Arbeitnehmende wiederum müssen die Massnahmen und Anordnungen per Gesetz befolgen.

Da Vorgesetzte aufgrund ihrer Funktion oft die ersten sind, die suchtbedingte Veränderungen bemerken (Checkliste) und diese auch ansprechen sollten, spielen sie beim Umgang mit Alkohol- und Drogenproblemen am Arbeitsplatz eine zentrale Rolle. HR-Verantwortliche oder Führungspersonen müssen stets aufmerksam sein und gezielt handeln.

Signale der Früherkennung

Eine Alkoholsucht zu erkennen, ist nicht einfach, da sie sich schleichend entwickelt. Die Übergänge vom riskanten Konsum zum Missbrauch und schliesslich zur Sucht sind fliessend. Gefährlich wird es, wenn der Konsum aufgrund von Stress, Ärger, Wut oder Trauer zunimmt. Der kritische Punkt ist erreicht, wenn Betroffene sich ohne Suchtmittel nicht mehr entspannen und wohlfühlen können. Auffälligkeiten zeigen sich dann sowohl im Arbeits- und Sozialverhalten als auch im Erscheinungsbild.

Dies können Signale, eines veränderten Arbeitsverhalten sein:

  • Unzuverlässigkeit
  • Kurzfristig oder nachträglich beantragte Einzelurlaubstage
  • Kurzfristiges Verschwinden am Arbeitsplatz, Überziehen von Pausen
  • Morgendliche Verspätungen oder vorgezogenes Arbeitsende
  • Fehlerhafte Arbeitsergebnisse, Arbeitsrückstände
  • Konzentrationsverminderung, Vergesslichkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten, Nervosität
  • Anlegen von Alkohol- oder Drogenverstecken
  • Klagen über wechselnde körperliche Beschwerden

Massnahmen für Vorgesetzte

Führungspersonen sind nicht nur Fachleute auf ihrem Gebiet, sie sind auch dazu berechtigt und verpflichtet, Veränderungen im Arbeitsverhalten und in der Leistung festzuhalten und anzusprechen. Unsere Checkliste Alkohol und Drogen am Arbeitsplatz hilft Ihnen dabei. Sprechen Sie mit dem betroffenen Mitarbeitenden über Ihre Beobachtungen. Wenden Sie sich an Proitera für eine Abklärung, wenn der Verdacht auf Alkohol- oder Drogenkonsum bestehen bleibt.

Unsere Beraterinnen und Berater arbeiten bei Suchtproblemen zusammen mit der Suchtberatung nach folgendem Ablauf:

Das Ablaufdiagramm kann je nach Unternehmen und betriebsinternen Regelungen variieren. Tipps für das Erstgespräch entnehmen Sie unserer Checkliste Alkohol und Drogen am Arbeitsplatz.

Proitera, Ihr Partner bei Suchtfragen am Arbeitsplatz

Proitera ist als Betriebliche Sozialberatung die unbefangene, vertrauliche, externe Anlaufstelle bei Suchtfragen am Arbeitsplatz. Wir sind Ansprechpartner für Mitarbeitende und Vorgesetzte, erarbeiten mit Ihnen verbindliche Lösungswege und binden spezialisierte Stellen mit ein.

 


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