7. August 2019

Aus unserem Beratungsalltag − durch die Beratung zu sich selber gefunden

Unsere Sozialarbeiterin und Beraterin Sharon Lang gewährt uns einen Einblick in ihren Berufsalltag. Sie unterstützt ihre Klientinnen und Klienten mit viel Feingefühl und grossem fachlichen Knowhow. In ihren Beratungen geht sie auf individuelle Bedürfnisse ein und erarbeitet gemeinsam mit ihren Klienten und deren Arbeitgebern die bestmögliche Lösung für Schwierigkeiten am Arbeitsplatz.

Sharon Lang

Sharon Lang, Beraterin und Sozialarbeiterin am Standort Basel

Sharon, welches Anliegen hatte die Klientin, die du heute Morgen beraten hast?

Ich hatte heute ein Folgegespräch mit Frau M. Ursprünglich kam sie vor 5 Monaten im Auftrag ihres Arbeitgebers für eine Beratung zu uns. Die 43-Jährige war sehr oft krank und hatte deswegen viele kurze Krankheitsabsenzen – etwa wegen einer Grippe oder einer Magen-Darm-Erkrankung. 

Zwar schätzt ihr Vorgesetzter Frau M. als sehr gute Mitarbeiterin. Doch aufgrund der häufigen Abwesenheit überlegte er sich, die Frau zu entlassen. Die Beratung bei uns ist ein letzter Versuch, die Situation zu klären.

«Aufgrund der Absenzen überlegte der Vorgesetzte, Frau M. zu entlassen.»

Wie geht Frau M. mit der Situation um?

Im ersten Beratungsgespräch erklärte Frau M., dass die ständigen Krankheiten sie sehr belasten. Sie konnte sich die vielen Infekte nicht erklären. Denn weiterführende Abklärungen beim Hausarzt, etwa eine Blutbildanalyse, ergaben keine neuen Erkenntnisse, und auch ihr Gesundheitszustand besserte sich nicht. Formal handelte Frau M. stets korrekt gegenüber ihrem Arbeitgeber, indem sie Arztzeugnisse einreichte.

Gibt es nebst den gesundheitlichen Beschwerden weitere Schwierigkeiten, mit denen Frau M. zu kämpfen hat?

Im Verlauf unseres ersten Gesprächs erzählte mir Frau M., dass sie unter schlimmen Schlafstörungen leidet. Diese treten vor allem vor den Arbeitstagen auf. Sie kommt abends kaum zur Ruhe und fühlt sich sehr erschöpft und lustlos. Das hat zur Folge, dass sie sich in der Freizeit nicht für Aktivitäten mit Freunden motivieren kann und meistens schläft.

Welche Rolle spielt die Arbeit bezüglich der Schwierigkeiten von Frau M.?

Grundsätzlich arbeitet Frau M. sehr gerne. Aber zu Beginn unserer Beratung sah sie keinen Weg, wie sie den Stress und die vielen Aufgaben an ihrer Stelle bewältigen soll. Sie hatte das Gefühl, alles wachse ihr über den Kopf.

Wie hast du die Situation anhand dieser Informationen eingeschätzt?

Ich stellte fest, dass es Frau M. körperlich, aber auch psychisch gar nicht gut geht. Als ich Frau M. darauf ansprach, musste sie weinen. Zwar bestätigte sie mir, dass sie sich sehr schlecht fühlt. Doch in ihrer Familie ist die Akzeptanz von psychischen Problemen nicht vorhanden. Ebenso wenig wird es in ihrem Umfeld geduldet, externe Hilfe von einer fremden Person anzunehmen.

«Im ersten Gespräch erzählte mir die Klientin, dass sie schlimme Schlafstörungen hat.»

Das macht eine Hilfestellung schwierig. Wie bist du vorgegangen?

Ich schlug Frau M. vor, ihren Hausarzt nicht nur wegen ihrer körperlichen Symptome zu konsultieren, sondern ihm auch ihre seelischen Nöte zu schildern. Auf dieser Grundlage konnte ich dem Arbeitgeber mit der Einwilligung von Frau M. Rückmeldung geben, dass meine Klientin weitere medizinische Abklärungen vornimmt.

Der Arzt erklärte Frau M., dass es zwischen ihrer psychischen Belastung und den körperlichen Beschwerden eine Verbindung gibt. Nun kann sie ihr seelisches Leiden und die externe Unterstützung annehmen. Mittlerweile nimmt Frau M. Medikamente gegen Depressionen, die ihr der Hausarzt verschrieb. Zusätzlich hat sie – ebenfalls auf Verordnung – mit einer Psychotherapie begonnen.

Wie wurde der Arbeitgeber in diesen Prozess einbezogen?

In Absprache mit Frau M. wurde ihr Vorgesetzter regelmässig über den Stand der Beratung informiert. Aufgrund der beruflichen Schweigepflicht braucht es dafür die Einwilligung meiner Klientin. Nach dem ersten Besuch beim Psychiater erhielt der Arbeitgeber einen weiteren Zwischenbericht. Damit konnte er besser verstehen, dass Frau M. für die erste Phase der Therapie erneut krankgeschrieben wurde. So konnte sie sich an die Medikamente gewöhnen.

Inzwischen arbeitet Frau M. wieder. Was hat sich am Arbeitsplatz verändert?

Wir haben die Probleme bei der Arbeit gemeinsam analysiert und festgestellt, dass sie sich für viel mehr zuständig fühlt, als sie es aufgrund ihres Stellenprofils wirklich ist. Ich habe ihr deshalb Abgrenzungsstrategien aufgezeigt. Etwa, dass sie deutlich formuliert, wenn sie Aufgaben übernehmen soll, die nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fallen. Oder wenn sie einmal für eine anstehende Arbeit keine freien Kapazitäten mehr hat. Frau M. hat das Vorgehen ausprobiert, und es scheint zu funktionieren: Vom Team und von den Vorgesetzen erhält sie dafür positive Rückmeldungen. Wir haben ausserdem ihre Freizeitgestaltung angeschaut und überlegt, wie Frau M. mehr Kraft und positive Energie daraus gewinnen kann als bisher.

«Frau M. wird nun gut betreut. Sie hat vieles aus der Krise gelernt.»

Du schliesst die Beratung von Frau M. bald ab. Welches Fazit ziehst du?

Durch die Massnahmen, die wir gemeinsam erarbeitet haben, konnte Frau M. aus ihrer Krise positive Erfahrungen gewinnen. Beim heutigen Folgegespräch erzählte sie mir, dass sie wieder voll arbeitsfähig ist und sich in der Lage fühlt, ihre Aufgaben zu erledigen. Sie hat nicht mehr krankheitsbedingt gefehlt, weil es ihr psychisch besser geht und damit die Freude an der Arbeit zurückgekommen ist. Frau M. lernt, sich in einem gesunden Mass abzugrenzen. Sie sagt, dass dies das Beste sei, was ihr hätte passieren können. Durch die Beratung und Psychotherapie hat sie zu sich selber gefunden und ihre Familie hat gelernt die psychischen Probleme zu akzeptieren.

Ich weiss nun, dass Frau M. gut betreut ist, auch ausserhalb der Arbeit. Nun werde ich mit dem Arbeitgeber Kontakt aufnehmen und den Abschluss meines Auftrags besprechen, da bei den Zwischenfeedbacks die Rückmeldungen von seiner Seite sehr positiv waren.

Welche Unterstützung wird Frau M. weiterhin erhalten?

Sie wird die Psychotherapie weiterführen. Ich hatte mit der Therapeutin Kontakt und erfahren, dass sie weiter an den beruflichen Herausforderungen arbeiten. Doch die Auseinandersetzung mit sich selber hilft Frau M. nicht nur bei der Arbeit, sondern fürs ganze Leben.


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