Wenn auch ein Vierbeiner zum Team gehört
Tiere gehören längst nicht mehr nur in den Haushalt (oder den Stall), sondern nehmen immer mehr Platz in der Arbeitswelt ein. Auf dem Sozialen Netzwerk LinkedIn etwa, sind Bürohunde, die gerne auch als «Feelgood Manager» bezeichnet werden, gerade im Trend. Rufe nach Vereinbarkeit von Arbeit und Heimtieren werden denn auch lauter, und immer mehr Mitarbeitende bevorzugen Homeoffice oder Teilzeitarbeit – auch wegen ihren Tieren.
Das ist wenig erstaunlich, denn der Anteil von Haushalten mit Heimtieren ist in den letzten zehn Jahren stark angestiegen. Mit 43 Prozent leben laut des Verbands für Heimtiernahrung in fast der Hälfte aller Schweizer Haushalte Heimtiere.
Datenquelle: Verband für Heimtiernahrung, Grafik: ZZF
Die Entwicklung der Mensch-Tier-Beziehung
Tiere sind im Leben der Menschen seit Jahrtausenden omnipräsent. Das zeigen Abbildungen von Höhlenmalereien, religiöse Artefakte, traditionelle Märchen oder moderne Kinderbücher. Historisch gesehen wurden die Tiere im Alltag zunächst vom Nutztier zum Statussymbol des Adels. Schliesslich fanden sie immer mehr Einzug in unsere Wohnräume und nun auch in unsere Arbeitswelt. Und zwar nicht mehr als klassisches Arbeitstier, sondern als «Feeldgood Manager»: In dieser Funktion erinnert uns das Tier daran, für eine Kuscheleinheit eine Pause einzulegen. Es zwingt uns dazu, die Mittagspause für einen Spaziergang an der frischen Luft zu nutzen oder es schafft, in seinem Körbchen schlafend, einfach eine beruhigende Atmosphäre.
Was die Beziehung zwischen den Menschen und Tieren so speziell macht, hat in den letzten drei Jahrzehnten auch die Interessen von Forschenden unterschiedlichster Disziplinen geweckt. Deshalb gibt es heute eine Anzahl fundierter Studien, weshalb uns Tiere guttun.
So zeigen beispielsweise diverse Studien, dass der Stress reduzierende Effekt beim Kontakt mit Tieren in der Aktivierung des Oxytocin-Systems liegt. Das «Kuschelhormon» Oxytocin wird auch beim Stillen oder im Körperkontakt zwischen Mutter und Baby ausgeschüttet. Es wird in Zusammenhang mit der Bildung einer sicheren Mutter-Kind-Bindung gebracht. Entsprechend wenig erstaunt es, dass viele Menschen eine sehr hohe Bindung zu ihrem Tier aufbringen und dieses oft als Familienmitglied bezeichnen.
Am Arbeitsplatz können Tiere auch auf die Teamkultur einen positiven Einfluss haben, denn sie fördern die Empathie, steigern die Hilfsbereitschaft und das Verantwortungsgefühl für andere. Dadurch verbessert sich das Arbeitsklima und soziale Interaktionen werden gefördert.
Bindung ernst nehmen
Dieser Umstand sollte auch von Arbeitgebenden ernst genommen werden. Einerseits können Tiere eine wichtige Rolle in der Gesundheitsförderung der Mitarbeitenden spielen. Studien zeigen nämlich, dass der Kontakt zu Tieren das psychische Wohlbefinden positiv beeinflusst, Angst reduziert, das Selbstwertgefühl stärkt, Gefühle von Einsamkeit und Isolation vermindert, oder gar antidepressiv wirkt.
Auf der physiologischen Ebene können Tiere gemäss der Forschung kardiovaskuläre Risikofaktoren reduzieren, das Immunsystem stabilisieren, Schmerz verringern, die Motorik verbessern und einen positiven Einfluss auf das Gesundheitsverhalten haben. Dies sind alles Faktoren, die auch in der betrieblichen Gesundheitsförderung willkommen sind oder den Wiedereingliederungsprozess bei Langzeitausfällen unterstützen können.
Am Arbeitsplatz können Tiere auch auf die Teamkultur einen positiven Einfluss haben, denn sie fördern die Empathie, steigern die Hilfsbereitschaft und das Verantwortungsgefühl für andere. Dadurch verbessert sich das Arbeitsklima und soziale Interaktionen werden gefördert.
Andererseits kann der Verlust eines Tieres, ähnlich wie bei einem Familienmitglied, Gefühle auslösen, von starker Trauer bis hin zu Depressionen: Wenn etwa der treue vierbeinige Begleiter nach über 15 Jahren stirbt, kann dies gewissen Menschenden Boden unter den Füssen wegreissen. Dabei bleibt der Schmerz selten nur zu Hause, sondern man trägt ihn auch an den Arbeitsplatz. Vorgesetzten und Mitarbeitenden, die selbst keinen Bezug zu Tieren haben, kann es schwerfallen, diese Trauer zu verstehen. Doch für die Betroffenen ist der Schmerz real. Die Tipps in unserem Blog «Umgang mit Trauer» beschränken sich daher keineswegs nur auf den Verlust eines nahestehenden Menschen. Auch beim Verlust des geliebten Heimtiers braucht es seitens Arbeitgeber Verständnis.
Doch nicht nur der Verlust eines Tieres, auch dessen Erkrankung kann für Mitarbeitende schwierig sein. Die Pflege eines kranken oder alten Tieres, das nicht allein zu Hause bleiben kann, wird plötzlich zu einem grossen Stressfaktor am Arbeitsplatz. Dabei sind nicht nur organisatorische Aspekte zu bedenken, sondern auch finanzielle.
Klare Regeln mindern Konfliktpotenzial
Die Anschaffung eines Heimtiers und die Vereinbarkeit mit der Arbeit will deshalb gut überlegt sein. Wenn der Hund beispielsweise aufgrund fehlender Betreuungsmöglichkeit mit ins Büro gebracht wird, kann dies Stress für das Tier bedeuten. Ausserdem muss der tierische Teamzuwachs mit Vorgesetzten und Kolleginnen abgesprochen sein. Denn bei unklarer Regelung kann ein vielgelobter Bürohund zum grossen Konfliktpotential werden. Offene Kommunikation und gegenseitiges Verständnis sind darum nötig, damit die positiven Eigenschaften der Mensch-Tier-Beziehung auch in der Arbeitswelt gewinnbringend eingesetzt werden können. Ein Unternehmen, das sich dazu entscheidet, Bürohunde zu erlauben, sollte bei diesem Schritt unbedingt das gesamte Team miteinbeziehen und bestenfalls die Beratung einer Fachstelle beanspruchen (zum Beispiel Vier Pfoten Schweiz oder Bundesverband Bürohund e.V.).
Offene Kommunikation und gegenseitiges Verständnis sind darum nötig, damit die positiven Eigenschaften der Mensch-Tier-Beziehung auch in der Arbeitswelt gewinnbringend eingesetzt werden können.
Tiere als Mehrwert in der Arbeitswelt
Unsere Gesellschaft ist noch weit davon entfernt für die Haltung von Heimtieren ähnliche Bedingungen geltend zu machen wie für menschliche Angehörige – etwa punkto Vereinbarkeit von Betreuungsarbeit und Erwerbstätigkeit, oder Absenzen-Regelung beim Tod des Heimtiers. Doch wenn Arbeitgebende und Vorgesetzte Verständnis haben für die teils starke emotionale Bindung von Mitarbeitenden zu ihren Heimtieren, können konstruktive Lösungen für alle Seiten erarbeitet werden. Die Mitarbeitenden werden ihnen dafür enorm dankbar sein, was wiederum deren Zufriedenheit und Motivation steigern wird.
Eine offene Haltung – gegenüber Tieren am Arbeitsplatz oder gegenüber der Vereinbarkeit von Tierhaltung und Erwerbstätigkeit durch Homeoffice sowie Teilzeitarbeit – kann einen entsprechend grossen Mehrwert für die Arbeitswelt darstellen. Nebst den erwähnten positiven gesundheitsfördernden und sozialen Auswirkungen hat dies noch einen weiteren angenehmen Nebeneffekt: einen Vorteil im Recruiting von neuen Fachkräften.
Probleme oder Konflikte am Arbeitsplatz? Nehmen Sie mit uns Kontakt auf, wir helfen Ihnen gerne weiter.
Kontakt aufnehmenZur Autorin: Marisa Geiser-Krummenacher ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Proitera und Fachkraft für tiergestützte Interventionen. Sie promoviert an der Frankfurt UAS zum Thema «Mensch-Tier-Beziehung».