Lernende im Spannungsfeld zwischen Ausbildung und persönlicher Entwicklung

Lernende im Spannungsfeld zwischen Ausbildung und persönlicher Entwicklung

Der Start in die Lehre ist für Jugendliche ein grosser Schritt. Sie müssen sich in der Arbeitswelt zurechtfinden, Verantwortung übernehmen und selbstständiger werden, während sie gleichzeitig noch mitten in der persönlichen Entwicklung stehen. In dieser anspruchsvollen Phase geraten viele Auszubildende an ihre Grenzen.

In ihrer täglichen Arbeit erleben die Proitera-Beraterinnen und -Berater, dass Lernende ganz unterschiedliche Hürden zu bewältigen haben. Neben den schulischen Schwierigkeiten sind auch Konflikte im Elternhaus, Beziehungsprobleme oder finanzielle Sorgen immer wieder Thema in Beratungsgesprächen. Auch psychische Belastungen spielen eine zunehmende Rolle. Die aktuelle Studie der WorkMed AG (2025) weist darauf hin, dass ein erheblicher Teil der Jugendlichen in der Lehre damit zu kämpfen hat – häufig, ohne darüber im Lehrbetrieb oder in der Schule zu sprechen. Ein Grund dafür: Laut der Studie erlebt etwa ein Viertel der Lernenden, dass sich im beruflichen Umfeld kaum jemand dafür interessiert, wie es ihnen geht. Und nur rund ein Drittel spricht Probleme offen im Lehrbetrieb oder in der Schule an.

Frühzeitiges Ansprechen von Problemen verhindert grössere Probleme

Berufsbildner*innen nehmen eine wichtige Rolle ein: Sie vertreten die Werte ihres Betriebs und begleiten gleichzeitig junge Menschen in einer oft herausfordernden Lebensphase. Umso wichtiger ist Aufmerksamkeit – besonders, wenn sich das Verhalten oder die Leistung von Lernenden deutlich verändern.

Lesen Sie dazu auch unseren Blogartikel zum Thema: Beratung und Unterstützung für Lernende und Berufsbildner/innen

Mögliche Anzeichen, die auf eine Überforderung oder psychische Belastung hinweisen können:

  • Arbeitsverhalten und Leistung: Leistungsabfall, Leistungsschwankungen, Vergesslichkeit, nachlassende Zuverlässigkeit, häufige Fehlzeiten oder Unpünktlichkeit
  • Soziales Verhalten: Rückzug, Kontaktvermeidung oder übermässige Konfliktbereitschaft, empfindliche Reaktionen auf Kritik
  • Stimmung: aggressiv und explosiv, leicht reizbar, unsicher und ohne Selbstvertrauen, niedergeschlagen, traurig, unruhig und angespannt, mutlos, resignativ oder starke Stimmungsschwankungen

Wichtig ist es, schulische Schwierigkeiten und persönliche Probleme frühzeitig zu erkennen und geeignete Massnahmen anzuregen oder einzuleiten. Ermutigen Sie Lernende, sich bei Bedarf an Proitera zu wenden. Unsere Beratungen sind anonym, kostenlos und unkompliziert zugänglich.

Betriebliche Sozialberatung bietet hier einen geschützten Rahmen, um solche Themen frühzeitig anzusprechen. Sie schafft Raum für offene Gespräche, ermöglicht das Erarbeiten individueller Lösungen und trägt dazu bei, dass Lernende in ihrer Ausbildung stabil bleiben.

Unser Praxisbeispiel zeigt, wie diese Unterstützung konkret aussehen kann – und wie sie dazu beiträgt, dass Lernende trotz privater und beruflicher Herausforderungen erfolgreich ihren Weg gehen.

Fall aus der Praxis: Zwischen Beziehung, Beruf und Selbstfindung – ein Lernender im Spannungsfeld

Lucas Boloix, Berater bei Proitera in Basel

Lucas Boloix, Berater und Sozialarbeiter bei Proitera in Basel beschreibt den Fall des Lernenend Herr F.:

F. ist Lernender in einem internationalen Chemieunternehmen und er kam auf Empfehlung des Werksarztes zu mir in die Beratung. Am Arbeitsplatz bemerkte man, dass er stark abgenommen hatte und sich nur schwer auf seine Arbeit konzentrieren konnte. Bei unserem Erstgespräch hatte F. zunächst Mühe, seine Situation zu beschreiben. Vieles war für ihn selbst noch unklar und schwer einzuordnen.

Zuerst lag der Fokus auf einem möglichen gesundheitlichen Problem. Doch im Verlauf unseres Gesprächs wurde deutlich: Die Ursache lag tiefer. F. hatte kürzlich eine Fernbeziehung angefangen. Dies war seine erste ernsthafte Beziehung. Die neuen Gefühle verunsicherten ihn, er konnte sie kaum einordnen und merkte, wie stark sie seinen Alltag bestimmten. Die Kommunikation mit seiner Freundin in der Ferne dominierte seinen privaten Tagesablauf so sehr, dass er Mahlzeiten vergass und ihm die Energie und Konzentration für Arbeit und Schule fehlte.

In der Beratung stand zuerst die Einordnung der Emotionen im Vordergrund. Was bedeutet es, wenn einem eine Person plötzlich so wichtig wird, dass sie das Zentrum des Denkens einnimmt? Wie gelingt es dabei, das Gleichgewicht zwischen Beziehung, beruflicher Verpflichtung und Schule wiederzufinden? Gemeinsam entwickelte ich mit F. erste Strategien, um seine Emotionen einzuordnen und den Alltag zu strukturieren: Die Beziehung, Ausbildung und Gesundheit sollten besser voneinander getrennt werden. So gewann F. Schritt für Schritt wieder mehr Kontrolle über sein Leben.

Balance zwischen Beruf und persönlicher Entwicklung

Ein entscheidender (Wende-) Punkt war dabei das Gespräch über seine Interessen und Hobbys. F. macht Musik und als er davon erzählte, konnte er sich öffnen und sich von einer ganz anderen Seite zeigen. Dadurch gelang mir auch der Übergang zur Arbeitssituation. In der Lehre erlebte er seine Aufgaben als wenig motivierend und kaum sinnstiftend. Wir entwickelten gemeinsam eine Gesprächsstrategie, mit der er beim Lehrmeister offen ansprechen konnte, was ihm fehlt und was er sich wünschte.

Das Ergebnis dieses Gesprächs war positiv: Herr F. konnte seinem Lehrmeister erklären, was ihm im Alltag fehlt. Er übernahm daraufhin neue, herausfordernde Aufgaben. Die Freude an der Arbeit kehrte zurück. Er fand wieder eine Balance zwischen Beziehung, Beruf und persönlicher Entwicklung.

In den weiteren Gesprächen begleitete ich ihn darin, diese Balance zu halten. Es ging um das Gestalten der Fernbeziehung, das Wiederfinden des Fokus für die Schule, das Bewusstmachen eigener Bedürfnisse. Besonders wichtig war, dass Herr F. selbst die Führung in diesem Prozess übernahm. Er zeichnete am Whiteboard auf, wie er seine Situation wahrnahm – was ihn belastete, was ihm guttat. Diese aktive Rolle stärkte sein Selbstvertrauen und seine Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen.

Jugendliche in der Berufsausbildung stehen heute unter enormem Druck. Sie sind in einem Alter, in dem sie sich erwachsen fühlen, aber noch viele Grenzen spüren: rechtlich, gesellschaftlich, familiär. Die Erwartungen sind hoch: Funktionieren im Job, Leistung in der Schule, Orientierung im Privaten. In dieser Übergangsphase ist das Risiko gross, sich selbst zu verlieren, besonders, wenn die emotionale Entwicklung keinen Platz bekommt.

Beratung als Brücke für junge Menschen

Gerade bei der Beratung von jungen Menschen in der Ausbildung ist Einfühlungsvermögen zentral. Sie stehen in einem Spannungsfeld zwischen Fremdbestimmung und wachsender Selbstverantwortung. Sie brauchen Vertrauen, Raum zur Reflexion und die Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen – ohne Druck und Bewertungen. Lernende benötigen die Möglichkeit, in ihrer Ausbildung Interessen zu entwickeln. Sie wollen Sinnhaftigkeit erleben, stolz sein auf ihren Beruf.

Eine Beratung kann hier eine wichtige Brücke sein: zwischen persönlichen Herausforderungen und den Anforderungen der Ausbildung.

Der Fall von F. zeigt exemplarisch, wie wertvoll unser Beratungsangebot sein kann. Wenn Lernende frühzeitig begleitet werden, lassen sich Eskalationen wie Lehrabbrüche oft vermeiden. Gleichzeitig wird sichtbar, wie viel Potenzial in diesen jungen Menschen steckt, wenn man ihnen zuhört, sie ernst nimmt und auf Augenhöhe begleitet.

So beschreibt F., Lernender in einem Chemieunternehmen, seine Erfahrung mit der Beratung bei Proitera:

Symbolbild F., Lernender bei einem Chemieunternehmen

Herr F., Lernender in einem Chemieunternehmen

Ich wusste schon, dass es mir nicht gutging, aber ich dachte, das würde sicher von allein wieder weggehen. Das Angebot von Proitera kannte ich vorher gar nicht. Es hat mir schon sehr geholfen, mit Herrn Boloix zu sprechen. Er hat sich Zeit genommen und wirklich zugehört. Man weiss oft gar nicht, was man braucht, wenn man es nie ausprobiert hat. Für mich war es eine enorme Entlastung, einfach jemanden zu haben, der da ist und zuhört.

«Mein Rat an andere: Man ist nicht allein. Es gibt immer eine Person, die einem zuhört.»

Wir sind für Sie und Ihre Lernenden da. Zögern Sie nicht sich mit uns in Verbindung zu setzen.

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Junger Mann schaut in die Ferne bei Sonnenuntergang

Mit betrieblicher Sozialberatung Raum für Entwicklung schaffen

Betriebliche Sozialberatung bietet in solchen Fällen eine diskrete, niederschwellige Anlaufstelle. Sie ermöglicht es Lernenden, frühzeitig Unterstützung zu erhalten, bevor sich Belastungen verfestigen oder die Ausbildung aus dem Gleichgewicht gerät. Der neutrale Rahmen fördert Offenheit und schafft die Voraussetzung, individuelle Lösungen zu erarbeiten.

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