Overthinking: Wenn das Gedankenkarussell immer weiter dreht
Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass wir uns täglich mit rund 6000 Gedanken beschäftigen. Davon sind rund 3 Prozent positiv und 24 Prozent negativ. Der Rest ist ohne besondere Wirkung. Wir haben also achtmal mehr negative Gedanken als positive. Aus evolutionärer Sicht macht dies Sinn, da negative Gedanken uns vor potenziellen Gefahren warnen und uns schützen sollen.
Dennoch kann dies dazu führen, dass negative Gedanken einen grösseren Einfluss auf unser Wohlbefinden haben, als dies positive Gedanken tun. Von Zeit zu Zeit die eigene Situation und das Lebensumfeld zu reflektieren ist wichtig für die persönliche Entwicklung. Wer jedoch anhaltend unangenehme Gedanken wälzt, hat ein erhöhtes Risiko mental zu erkranken. Overthinking bedeutet, dass man sich gedanklich übermässig und wiederholt mit negativen Emotionen, persönlichen Sorgen oder Lebenserfahrungen beschäftigt. Dies wird auch als «übermässiges Grübeln» bezeichnet, was in der Regel als problematisch wahrgenommen wird. Typisch dabei ist das Durchspielen von «Was-wäre-wenn-Szenarien», das Grübeln über Vergangenes sowie die Sorge vor möglichen negativen Konsequenzen in der Zukunft.
Overthinking bedeutet: wiederholtes, unproduktives Nachdenken ohne Ergebnis.
Das begünstigt das übermässige Grübeln
Das übermässige Nachdenken über jede Situation und alle Details, ist ein Phänomen, das zunimmt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Sorgen um die eigene Gesundheit, Ängste um Statusverlust oder ein krisenanfälliges Weltbild. Auch Veränderungen der Arbeitswelt oder persönliche Veranlagungen, wie Perfektionismus oder familiäre Prägungen, können das Sorgenkarussell ankurbeln. Der gesellschaftliche Druck, immer erfolgreich zu sein, wird zusätzlich durch die Sozialen Medien verstärkt, da diese übermässige Selbstreflexion und den ständigen Vergleich mit anderen begünstigen.
Sie sind möglicherweise von Overthinking betroffen, wenn:
- Ängste und Sorgen bei Ihnen viel Gedankenraum einnehmen (mehr als eine Stunde täglich).
- Sie unter Stresssymptomen, wie erhöhte Atemfrequenz, schnellerer Herzschlag, Schlaflosigkeit, hohe Anspannung leiden.
- Sie die Sorge, ernsthaft körperlich oder psychisch zu erkranken plagt.
- Es Ihnen zunehmend schwerfällt, sich von negativen Gedanken zu distanzieren.
Berufliche und private Auswirkungen und was Sie dagegen tun können
Overthinking ist ein weitverbreitetes Phänomen, das die mentale Gesundheit und die Produktivität im Beruf beeinträchtigen kann:
Je länger sich das Gedankenkarussell dreht, desto stärker wächst die Unzufriedenheit. Betroffene nehmen ihre beruflichen Probleme mit in den Feierabend, was sich negativ auf ihre Beziehungen und ihr Familienleben auswirkt. All dies erzeugt einen enormen Stress, der die Lebensqualität verschlechtert und die Gefahr eines Burnouts oder einer Arbeitsphobie erhöht.
Gemäss einer neuseeländischen Studie mit Daten von über 64.000 Menschen im Alter von 18 bis 81 Jahren ist Overthinking besonders bei jungen Erwachsenen verbreitet und nimmt mit zunehmendem Alter deutlich ab. Dabei gibt es klare Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Gerade junge Frauen berichten häufiger über wiederholtes Grübeln als Männer. Dies könnte damit zusammenhängen, dass Frauen schon früh vermittelt wird sich vorsichtig, empathisch und korrekt zu verhalten. Zudem sind Frauen den Vergleichsprozessen auf Social Media stark unterlegen.
Die Angst vor Fehlern führt dazu, dass Entscheidungen oft erst spät (Prokrastination) oder überhaupt nicht getroffen werden. Verzögerung beeinträchtigt die Arbeitsqualität jedoch erheblich: Anstatt die Zeit in anstehende Herausforderungen zu investieren, drehen sich die Gedanken im Kreis, ohne dass eine Entscheidung gefasst wird.
Übermässiges Grübeln verschlechtert sowohl die eigene emotionale und körperliche Gesundheit als auch die Arbeitsmoral des gesamten Teams. Langsame Arbeitsprozesse und zögerliche Entscheidungen stören den Arbeitsablauf. Zudem erhöhen sie die Frustration und Unzufriedenheit aller Beteiligter. Dies wirkt sich wiederum negativ auf das Betriebsklima aus.
Betroffene Arbeitnehmende können jedoch lernen, ihr Overthinking zu überwinden, indem sie die Ursachen dafür erkennen und gezielte Strategien dagegen einsetzen. Es ist wichtig, bereits bei ersten Anzeichen von Overthinking aktiv dagegen vorzugehen, um damit die mentale Stressdynamik frühzeitig zu unterbrechen und psychischen Folgeerkrankungen vorzubeugen.
Fallbeispiel Herr W.
Der 38-jährige Hr. W. wendet sich mit Schlafproblemen und grossen Sorgen an Proitera. Er ist verheiratet und Vater eines 4-jährigen Kindes. Im Erstkontakt stellt sich heraus, dass er sich viele Gedanken zu Krisenszenarien im Bereich Arbeit, Erziehung, Gesellschaft und Politik macht, die er aus den Tagesmedien kennt.
Der erste Schritt in der Beratung ist, Herrn W. zur Erkenntnis zu begleiten, dass sein Gedankenkarussell wenig mit seinem gegenwärtigen Leben zu tun hat. Weiter wird ihm eine Palette von Möglichkeiten aufgezeigt, die ihn dabei unterstützen seinen Hang zum Grübeln zu minimieren:
Aufs Hier und Jetzt konzentrieren: Autogenes Training oder MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction – MBSR) sind Methoden die die Kraft der positiven Gedanken nutzen, um das Gleichgewicht an Gelassenheit und Angespanntheit wieder herzustellen.
Zeit fürs Grübeln festlegen: Im Alltag ein vordefiniertes Zeitfenster für Sorgen einbauen, in dem diese zu Papier gebracht werden (Sorgentagebuch). Nach Ablauf der Zeit wird das Geschriebene ausser Sichtweite deponiert. Diese Methode kann helfen den Geist zu entlasten und das Gefühl der Kontrolle zu erhöhen.
Sich aufs Positive konzentrieren: Im Privatleben mehr Zeit für Aktivitäten einbauen, die Freude bereiten und positive Gedanken und Gefühle bewirken: Körperliche Aktivität und Sport etwa, bauen Stress ab und regen die Produktion von Endorphinen an, die das Wohlbefinden steigern.
Herr W. entscheidet sich für das Sorgentagebuch und einen Gruppenkurs in Autogenem Training.
Bei Beratungsabschluss schreibt Herr W. seiner Beraterin per Mail: „Ich habe erkannt, wie stark meine Gedankenkraft ist und habe dank Ihren wertvollen Inputs gelernt, wie ich meine mentale Kraft auch nutzen kann und will.“
Ich habe erkannt, wie stark meine Gedankenkraft ist und habe dank Ihren wertvollen Inputs gelernt, wie ich meine mentale Kraft auch nutzen kann und will.
So können Sie Betroffenen helfen, das Gedankenkarussell zu stoppen
Aufgrund der oben genannten Dynamik strahlen Betroffene eine gewisse Unsicherheit aus. Im Beruf kann sich dies zum Beispiel dadurch äussern, dass sie aus Angst vor Sicherheitsverlust Veränderungen gegenüber kritisch eingestellt sind. Manchmal neigen Overthinker aber auch dazu, sich so sehr im Detail zu verlieren – oft mit dem Ziel, Risiken zu minimieren –, dass sie das Grosse und Ganze aus den Augen verlieren.
- Sprechen Sie Ihre Beobachtungen gegenüber der mitarbeitenden Person wertschätzend an, möglichst ohne das Sorgenkarussell weiter zu befeuern.
- Fragen Sie nach, wie Sie gemeinsam mit der betroffenen Person deren Selbstsicherheit erhöhen können.
- Bieten Sie Unterstützung in der Arbeitsorganisation an – etwa im Zeit- und Prioritätenmanagement.
- Sammeln sie positive Beispiele, die den Mitarbeitenden aufzeigen, was bei der Arbeit gut läuft.
Unterstützung beginnt häufig mit einem offenen Gespräch und dem Aufzeigen von Möglichkeiten. Sie helfen dem Mitarbeitenden bereits, indem Sie auf das Angebot von Proitera hinweisen.
Unsere Beraterinnen und Berater unterstützen Sie und Ihre Mitarbeitenden gezielt mit praxiserprobten Methoden, individueller Begleitung und konkreten Handlungsempfehlungen.
Kontakt aufnehmenWeiterführende Informationen
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