Wertschätzung wirkt – aber nur, wenn sie passt: Warum Standard-Lob oft ins Leere läuft

Wertschätzung wirkt – aber nur, wenn sie passt: Warum Standard-Lob oft ins Leere läuft

In der modernen Arbeitswelt ist Wertschätzung einer der stärksten Treiber für Motivation und Engagement. Es geht darum, Mitarbeitenden mit echtem Interesse zu begegnen, sie zu respektieren und als Menschen wahrzunehmen. Das schliesst neben ihrer Arbeitsleistung auch ihre Persönlichkeit und ihr Privatleben mit ein.

Echte Wertschätzung trägt dazu bei, dass Mitarbeitende motivierter sind, weil sie ihre Arbeit als sinnvoll und selbstbestimmt erleben. Sie bleiben gesünder, da chronischer Stress und Frustration reduziert werden, und sie sind leistungsfähiger, weil sie ihre Fähigkeiten wirksam einsetzen und weiterentwickeln können. Fehlen diese Voraussetzungen, zeigen sich hingegen häufig innere Kündigung, Erschöpfung oder eine sinkende Qualität der Arbeit. Vor diesem Hintergrund ist Wertschätzung weit mehr als ein «nettes Extra» oder ein klassischer Soft Skill: Sie ist ein zentraler psychologischer Wirkfaktor.

Doch haben Sie sich schon einmal gefragt, warum ein gut gemeintes Lob bei jemandem völlig verpufft? Vielleicht haben Sie einen Aspekt angesprochen, der für diese Person gar keine Priorität hat. Denn was für die eine Person motivierend ist, wirkt bei einer anderen nicht unbedingt gleich.

Warum Wertschätzung ein Fundament braucht

Die Selbstbestimmungstheorie der US-Psychologen Edward Deci und Richard Ryan besagt, dass Menschen nur dann nachhaltig intrinsisch motiviert sind, wenn drei psychologische Grundbedürfnisse erfüllt werden: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit.

Psychologisches Bedürfnis Bedeutung im Arbeitskontext Passende Wertschätzung
Autonomie Selbst entscheiden, nach den eigenen Werten leben und die Dinge selbst mitgestalten. Vertrauen in die Eigenverantwortung signalisieren und Handlungsspielräume gewähren.
Kompetenz Sehen, was man selbst schafft, Herausforderungen meistern und an ihnen wachsen. Fähigkeiten anerkennen, konstruktives Feedback geben und Weiterentwicklung ermöglichen.
Soziale Eingebundenheit Dazugehören, echte Freundschaften/Beziehungen haben und Anerkennung finden. Eine wertschätzende Arbeitskultur pflegen und die menschliche Komponente stärken.

Obwohl diese drei Grundbedürfnisse universell sind, gewichtet jeder Mensch sie unterschiedlich. Während für die eine Person Autonomie bei der Arbeitsgestaltung oberste Priorität hat, braucht eine andere für ihr Kompetenzempfinden vor allem sichtbare Entwicklungsmöglichkeiten. Wieder andere sind erst dann zufrieden, wenn das Arbeitsklima stimmt und sie sich sozial eingebunden fühlen. Nur wenn die gewählte Form der Wertschätzung zum persönlichen Bedürfnisprofil passt, wird sie als echt und motivierend wahrgenommen.

Realitätscheck: Anspruch und Wirklichkeit in der Schweiz

Die Realität in Schweizer Unternehmen zeigt ein zwiespältiges Bild. Laut dem aktuellen «Barometer Gute Arbeit 2025», einem Kooperationsprojekt der Berner Fachhochschule und dem Arbeitnehmenden-Dachverband Travail.Suisse, ist die allgemeine Motivation der Arbeitnehmenden mit einem Indexwert von 71.7 Punkten erstaunlich stabil. Ein Grossteil der Befragten empfindet die eigene Arbeit als gesellschaftlich sinnvoll und identifiziert sich mit dem Arbeitgeber oder dessen Produkten und Dienstleistungen. Gleichzeitig berichtet jedoch rund ein Viertel der Befragten von mangelnder Wertschätzung oder Unterstützung durch Vorgesetzte. Defizite bestehen vor allem bei der Gestaltbarkeit der Arbeit und der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, da viele Beschäftigte wenig Einfluss auf Arbeitsmenge und -zeit haben. Besonders stark betroffen sind Vollzeitangestellte sowie Angestellte im Gastgewerbe und Verkehr. Auch bei der beruflichen Weiterbildung zeigt sich Handlungsbedarf: 42,4 Prozent der Befragten erfahren kaum Förderung, wobei Teilzeitbeschäftigte überdurchschnittlich stark betroffen sind.

Die Aufstiegschancen und der Einfluss auf die eigene Arbeitsmenge werden seit Jahren konstant am niedrigsten bewertet. Das bedeutet, dass viele Menschen zwar lieben, was sie tun und darin Sinn finden, jedoch darunter leiden, wie viel sie bewältigen müssen und wie wenig sie ihre eigene Entwicklung steuern können.

Wertschätzung neu denken: Spielraum anstatt leerer Worte

Ein einfaches «Danke» allein reicht nicht aus, wenn gleichzeitig die Autonomie bei der Arbeitsgestaltung fehlt oder Kompetenzen nicht gezielt gefördert werden. Das grösste Potenzial, Wertschätzung zu zeigen, liegt für Arbeitgeber deshalb darin, Anerkennung künftig verstärkt durch mehr Gestaltungsspielraum und klare Perspektiven auszudrücken. Ziel ist es, die Motivation langfristig stabil zu halten. Aus den Ergebnissen des «Barometer Gute Arbeit 2025» lassen sich fünf praxisnahe Empfehlungen für HR-Fachpersonen und Vorgesetzte ableiten:

1. Flexibilität als höchste Form der Autonomie

Führen Sie Ergebnisverantwortung statt Präsenzpflicht ein. «Ich vertraue dir, dass du dein Pensum so einteilst, wie es für dich und deine Work-Life-Balance passt.»

  • Strukturelle Flexibilität schaffen: Ermöglichen Sie moderne Arbeitsformen wie Job Sharing oder flexible Arbeitszeitmodelle auch auf Führungsebene.
  • Systematische Mitsprache etablieren: Beziehen Sie Ihr Team aktiv in die Gestaltung von Abläufen und Prioritäten mit ein. Es geht darum mitzuentscheiden, anstatt nur informiert zu werden.
  • Ganzheitliche Verantwortung übertragen: Delegieren Sie nicht nur isolierte Aufgaben, sondern übergeben Sie die Hoheit über komplette Themenbereiche oder Projekte inklusive der nötigen Entscheidungsbefugnisse.
  • Ergebnisorientiert führen: Geben Sie den Rahmen und die Ziele vor, aber verzichten Sie auf Detailsteuerung. In den individuellen Lösungsweg zu vertrauen, ist die höchste Form der Anerkennung von Kompetenz.

2. Horizontale Entwicklung statt vertikale Sackgasse

Schaffen Sie Entwicklungsmöglichkeiten auch ohne Hierarchieaufstieg. «Ich erkenne dein Potenzial und biete dir den Raum, deine Fähigkeiten gezielt zu erweitern.»

  • Horizontale Laufbahnen fördern: Etablieren Sie Fachkarrieren durch Job Enrichment. Anerkennung erfolgt hierbei über anspruchsvollere Aufgaben und zusätzliche Verantwortung.
  • Wissenstransfer nutzen: Setzen Sie erfahrene Mitarbeitende in der Rolle als Mentoren oder als interne Fachexperten ein.
  • Entwicklung statt nur Leistung würdigen: Machen Sie auch Lernprozesse und individuelle Fortschritte sichtbar, anstatt ausschliesslich Endergebnisse zu bewerten.
  • Projektbasierte Entwicklung: Bieten Sie die Mitarbeit in fachfremden oder bereichsübergreifenden Projekten an, um neue Kompetenzen und Perspektiven zu ermöglichen.

3. Informelles oder (Echtzeit-) Feedback statt Jahresgespräch

Führen Sie kurze 5-Minuten-Check-ins ein und fragen Sie gezielt: «Was war dein grösster Erfolg diese Woche?» Das spiegelt Kompetenz sofort wider, statt elf Monate auf das offizielle Gespräch zu warten.

  • Micro-Feedback etablieren: Konzentrieren Sie sich darauf, Fortschritte im Arbeitsalltag unmittelbar zu benennen, anstatt nur Defizite zu korrigieren.
  • HR-Impuls: Schulen Sie Führungskräfte in der Methode des Micro-Feedbacks. Dabei geht es nicht um neue Formulare, sondern um die Fähigkeit, Wirksamkeit im Alltag zu bestätigen. 

Unser Blogartikel zum Thema «Feedback als Führungsinstrument».

4. Die individuellen Wertschätzungstypen berücksichtigen

Finden Sie im gemeinsamen Dialog heraus, was Ihre Mitarbeitenden individuell motiviert. «Ich nehme dich in deiner Individualität wahr und drücke Anerkennung so aus, dass sie bei dir auch wirklich ankommt.»

  • Präferenzen erfragen: Sprechen Sie im Team oder im Einzelgespräch darüber, welche Form der Anerkennung (z. B. freie Zeiteinteilung, neue Verantwortung, fachlicher Austausch) am meisten geschätzt wird.
  • Dimensionen anpassen: Nutzen Sie diese Erkenntnisse, um Ihr Lob individuell zu verteilen. So stellen Sie sicher, dass gut gemeinte Gesten nicht als leere Floskeln wahrgenommen werden.

Wertschätzung im Unternehmen leben

Das «Barometer Gute Arbeit» zeigt deutliche Lücken bei der Mitgestaltung der Arbeit und den Perspektiven auf. Deshalb sollten Unternehmen eine gezielte Anerkennung künftig strukturell und strategisch verankern. Proitera unterstützt HR und Vorgesetzte dabei durch spezialisierte Beratung sowie eine strategische Begleitung, um die Arbeitsbedingungen nachhaltig gesund zu gestalten. Gleichzeitig befähigen wir Mitarbeitende ihre eigenen Bedürfnisse offen anzusprechen und so aktiv ihre Arbeitszufriedenheit mitzugestalten. Letztlich entsteht eine gesunde Unternehmenskultur nur dort, wo Wertschätzung sowohl als klare Managementaufgabe als auch als gelebte Selbstverantwortung verstanden wird.

Lücken schliessen, Wertschätzung verankern: Wir unterstützen Sie dabei, eine gesunde Unternehmenskultur zwischen Managementaufgabe und Selbstverantwortung zu etablieren.

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Self-Leadership: Wie Sie Ihre eigene Wertschätzung fördern

Wertschätzung ist keine Einbahnstrasse. Wenn das System oder die Führungskultur Lücken aufweist, können Mitarbeitende durch proaktives Handeln – sogenanntes «Self-Leadership» – ihre eigene Arbeitszufriedenheit verbessern. Basierend auf den Bedürfnissen nach Autonomie und Kompetenz gibt es folgende Ansätze:

  • Job Crafting – Autonomie proaktiv gestalten: Warten Sie nicht auf Erlaubnis. Analysieren Sie Ihren Arbeitsalltag und schlagen Sie gezielte Anpassungen vor: «Ich bin produktiver, wenn ich komplexe Aufgaben am Vormittag erledigen kann. Kann ich diesen Vorschlag testen?»
  • Feedback aktiv einholen: Nur 44 Prozent der befragten Personen erhalten laut Barometer regelmässiges Feedback. Übernehmen Sie selbst die Verantwortung für Ihre Entwicklung und fragen Sie bei Projektende gezielt nach: «Welcher Teil meiner Arbeit war für den Erfolg entscheidend?»
  • Entwicklungspfade selbst skizzieren: Wenn Aufstiegschancen unklar sind, müssen Sie Ihre Lernkurve thematisieren. Fragen Sie nach Verantwortung statt nach Titeln: «Ich möchte meine Expertise im Bereich XY vertiefen. Gibt es ein Projekt, das mir dies ermöglicht?»
  • Souverän Grenzen setzen: Echte Wertschätzung beginnt beim Selbstschutz. Da der geringe Einfluss auf die Arbeitsmenge laut Barometer ein Hauptbelastungsfaktor ist, ist das Kommunizieren von Kapazitätsgrenzen essenziell für Ihre Autonomie.

Wie Sie Überlastung professionell ansprechen und Ihre Autonomie im Alltag zurückgewinnen, erfahren Sie im Detail in unserem Whitepaper: Grenzen setzen, Klarheit schaffen.

  • Den eigenen Wertschätzungstyp kennen und kommunizieren: Helfen Sie Ihrem Umfeld, Sie richtig zu verstehen. Ein kurzes Gespräch darüber, ob Sie eher durch Vertrauen, fachliche Bestätigung oder Team-Austausch motiviert werden, wirkt oft Wunder.

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