27. Februar 2017

Zugeschüttete Traumen pflanzen sich über Generationen fort

Wenn man will, dass ein Trauma über Generationen hinweg Schaden anrichtet, muss man es nur totschweigen. Das lehrt uns die Generation der so genannten «Kriegsenkel». Sie haben den Krieg nicht erlebt, und dennoch sind sie indirekt vom Krieg geprägt. Unverarbeitete Traumen wirken über Generationen nach.

«Darüber will ich nicht reden!», «Dieses Kapitel möchte ich nicht mehr aufschlagen, es ist ja alles vorbei», «Ich weiss nicht mehr.» Solche und ähnliche Aussagen haben die Nachkommen von kriegstraumatisierten Verwandten in Deutschland und in grenznahen Gebieten der Schweiz und ganz Europa oft zu hören bekommen. Doch das Schweigen hat das Geschehene nicht ausgelöscht. Im Gegenteil. Das Unausgesprochene pflanzt sich in der Seele der Nachkommen fort. Die Folgen sind gravierend. Heute weiss man, dass die Wunden der Kriegsbetroffenen, Verdingkinder oder Kinder der Landstrasse auch Narben bei den Nachkommen hinterlassen haben, die zwischen 1955 und 1975 geboren sind.

Nicht selten fühlen sich gerade Mitarbeitende mit deutschen Wurzeln trotz gesicherter Existenz nicht erfüllt, rastlos und leer. Sie denken, nicht zu genügen, nicht liebenswert zu sein, wenn sie keine überdurchschnittliche Leistung erbringen. In ihren Freundschafts- oder Paarbeziehungen geben sie oft mehr als sie nehmen. Sie leiden unter Versagensängsten, haben ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl. Ihnen gemeinsam ist: Sie haben in ihren Familien oft eine «bleierne Schwere» verspürt, als hätte ein «undefinierbarer Nebel» tief über Ihrer Kindheit gehangen – die Bürde der Vergangenheit.

Psychischen Erkrankungen als Folge

Der Grund dafür ist inzwischen bekannt: Ihre Eltern kamen 1930 bis 1945 zur Welt in Ländern und Gebieten, die vom Krieg betroffen waren – sogenannte Kriegskinder. Diese durchlebten unerträgliche Momente: brennende Menschen bei Luftangriffen, erschossene Nachbarn, vergewaltigte Frauen, deportierte Angehörige, Flucht, Hunger …

Um nicht daran zu zerbrechen, kapselt der menschliche Geist das Unerträgliche ab, verbannt es aus dem Bewusstsein und der Erinnerung, um nie mehr daran denken oder darüber sprechen zu müssen. Manchen Betroffenen gelang es, diese Kapsel zu sprengen und das Schweigen zu brechen. Die Gräueltaten, an den Tag gebracht, konnten verarbeitet werden. Eine Mehrheit aber blieb sprachlos. Die Folge war das, was Psychologinnen als transgenerationale, unbewusste Übertragung bezeichnen: eine erhöhte Verletzlichkeit mit diffusen Ausprägungen in der nachfolgenden Generation.

Der Psychologie ist das Phänomen seit langem bekannt: Traumatische Erlebnisse lösen Verhaltensauffälligkeiten aus, die sich über Generationen festsetzen. Das Schweigen wird zu einer internalisierten Verhaltensweise. Die Kinder empfinden dieses als «normal».

Doch angestautes Schweigen schadet. Kinder spüren das Trauma ihrer Eltern und versuchen intuitiv, ihr Leiden zu mildern. Sie übernehmen damit aber eine Aufgabe, die sie überfordert und schwer belastet. Gewaltausbrüche, Gefühlskälte oder Alkoholmissbrauch können die Folge sein. Andrerseits verfügen «Kriegsenkel» oft über ein hohes Empathievermögen. Sie arbeiten häufig in sozialen Arbeitsbereichen. Und Manche haben überdurchschnittliche Führungsqualitäten. Auch die Gehirnforschung liefert zur Vererbbarkeit traumatischer Prägung interessante Erkenntnisse. An der ETH ZH wurden die molekularen Prozesse nach extremen Stresserfahrungen anhand identifizierter RNA Moleküle untersucht. «Mit dem Ungleichgewicht der Micro-RNAs in Spermien haben wir einen Informationsträger entdeckt, über den Traumata vererbt werden könnten», so die Forscher.

Fazit: Reden ist Gold

Um Kinder vor «transgenerationaler Übertragung» zu schützen, gibt es nur einen Weg: Das furchtlose Gespräch mit der Familie, mit Freund/-innen, Betroffenen, sowie mit Therapeut/-innen. Das Erlebte muss offen zur Sprache kommen, nur so kann es verarbeitet werden. Sobald «Kriegsenkel» ihre Kindheitserfahrungen, das Verhalten der Eltern und die Familiendynamik besser verstehen, können sie sich meist leichter mit dem eigenen Leben versöhnen. Sie verstehen, dass ihr persönliches, diffuses Empfinden und Verhalten einen Namen hat, eine Ursache und von vielen Menschen geteilt wird. Dies ist eine grosse Entlastung.

Sind Sie selber «Kriegsenkel»? Nutzen Sie Proitera als Anlaufstelle!

 

Weiterführende Literatur

  • Anne-Ev Ustorf, Wir Kinder der Kriegskinder. 2008
  • Sabine Bode, Kriegsenkel. 2009
  • Ingrid Meyer-Legrand, Die Kraft der Kriegsenke
  • Studie: Vererbte Traumata,14.04.2014 | Medienmitteilung ETH ZH

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