31. Dezember 2016

Scheidung mit Kinderaugen betrachten

Scheidungskindern sagt man oft nach, sie seien schlechter in der Schule, hätten ein niedrigeres Selbstbewusstsein und wiesen Verhaltensauffälligkeiten auf. Dabei muss dies gar nicht so weit kommen. Kinder brauchen einfach Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen, und sie müssen bei diesem Prozess behutsam an die Hand genommen werden.

Papa ist nicht mehr da. Er wohnt jetzt in einer anderen Strasse und liest der kleinen Emma nicht mehr jeden Abend aus ihrem Lieblingsbuch vor. „Warum ist Papa denn nun weg?“, fragt Emma die Mama eines Abends. „Weil wir uns nicht mehr lieb haben und uns scheiden lassen“, antwortet die Mama. Emma versteht das nicht. Früher hatten sich Mama und Papa doch auch lieb, warum soll dies nun auf einmal anders sein?

Am Wochenende macht Emma mit Papa und seiner Freundin einen Ausflug. Sie haben viel Spass und Emma darf sich ein Glacé aussuchen, das sie genüsslich isst. Doch dann müssen sie rasch aufbrechen. „Ich muss dich bald zu Mama bringen. Das ist schade. Würdest du nicht noch gerne ein bisschen bei mir bleiben?“, fragt Papa unbedacht. Emma nickt betreten. Gerne würde sie noch Zeit mit Papa verbringen, aber dann wäre Mama traurig. Das spürt Emma und das will sie nicht.

An der Tür gibt ihr Papa noch einen Kuss. Scheu erwidert Emma den Kuss. Sie möchte nicht, dass Mama das sieht und sich ärgert. Mama ist sauer, weil Papa sie zu spät nach Hause gebracht hat. Die beiden streiten sich. „Wenn du sie immer so spät zurückbringst, bekommst du sie gar nicht mehr!“, hört Emma noch, als sie in ihr Zimmer huscht. Sie hält sich die Ohren zu und dicke Tränen kullern ihr über die Wangen. Sie will nicht, dass sich die Eltern ihretwegen streiten. Sie drückt ihren Teddy ganz fest an sich und flüstert ihm zu: „Ich werde dich immer lieb haben und lasse mich nie von dir scheiden!“

Beim Abendessen fragt Mama, was Emma mit Papa unternommen hat. Emma beginnt zögerlich, doch dann sprudelt es nur noch. Sie erzählt vom Ausflug, vom grossen Glacé und strahlt über beide Backen. Als sie sieht, dass Mama die Stirn runzelt und zu ihrem Freund, den Emma nun komischerweise auch Papa nennen sollte, hinüberschaut, verstummt sie. Warum freut sich die Mama nicht? Emma stopft sich den Mund mit Spaghetti voll damit sie nicht mehr reden muss.

Trotz Trennung Geborgenheit vermitteln

Wenn Eltern sich trennen, bricht für Kinder meist eine heile Welt zusammen – auch dann, wenn die Scheidung friedlich abläuft. Vieles ist für sie zu komplex und unverständlich. Daher ist es wichtig, dass Sie sensibel mit der Gefühlswelt Ihrer Kinder umgehen und möglichst viel so belassen, wie es vorher war.

Pflegen Sie die eingespielten Rituale und Strukturen: Feuern Sie Ihre Kinder beim Fussballmatch an oder holen Sie sie wie gewohnt von der Musikstunde ab. So zeigen Sie Ihren Kindern, dass sie geliebt werden und lindern deren Verlustängste. Auch Kinderbücher zum Thema zeigen den Kleinen, dass sie nicht alleine sind mit ihren Ängsten und Problemen.

Helfen Sie Ihren Kindern dabei, den Kontakt zum anderen Elternteil zu behalten – auch wenn Sie sehr verletzt und enttäuscht sind über die zerbrochene Beziehung. Kinder brauchen beide Eltern und lieben Mutter und Vater gleicher Massen. Sie müssen nicht frustriert sein, wenn Ihr Kind bei der ehemaligen Partnerin oder dem ehemaligen Partner weilt und unbeschwert zu Ihnen zurückkehrt. - Den Kindern tut die Zeit gut.

Streiten Sie sich nicht vor den Kindern und wetteifern Sie nicht darum, wer sie lieber hat oder mehr verwöhnt. Kinder möchten vor allem, dass Sie mit ihnen zusammen unbeschwerte Zeit verbringen, dass Sie zuhören, spielen, ihnen etwas vorlesen und ihnen weiterhin Grenzen aufzeigen. Äussern Sie sich nicht negativ über den anderen Elternteil und sichern Sie ihnen zu, dass Sie immer ihr Papi, resp. Mami bleiben.

Ihre Sprösslinge werden es Ihnen danken.

 

Bildquelle: http://bit.ly/2ioSYne

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  • http://aldognocchi.ch/ Aldo Gnocchi

    Vielen Dank für diesen interessanten Artikel!

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