20. Mai 2020

Wenn auf einen Schlag alles anders ist

Die Auswirkungen eines unerwarteten Ereignisses auf unser Arbeitsleben sind immer einschneidend – egal, ob wir selbstständig erwerbend oder angestellt sind. Ein Schicksalsschlag kann uns alle treffen, etwa durch einen Unfall oder eine neu diagnostizierte Krankheit. Ebenso sind wir beim Verlust einer geliebten Person oder aufgrund einer Pandemie wie der Corona-Krise gezwungen, rasch eintretende Veränderung zu akzeptieren, ohne dass wir Einfluss darauf nehmen können. Solche Ereignisse können uns massiv in unserem Selbstwertgefühl erschüttern. Zudem leiden oft nicht nur die Betroffenen selber, sondern auch das private und berufliche Umfeld.

Wie sollen Sie sich als Vorgesetzte/r richtig verhalten, wenn eine/ein Mitarbeitende/r einen Schicksalsschlag erleidet. Wie sollen Sie als Arbeitskolleginnen und -kollegen auf eine/einen trauernden Kollegin/en reagieren?

Die Bewältigung eines Schicksalsschlags lässt sich meist in vier Verarbeitungsphasen gliedern, die sich stärker oder schwächer äussern. Sie zu verstehen, hilft Aussenstehenden im privaten und beruflichen Umfeld im Umgang mit Betroffenen.

Die vier Phasen der Verarbeitung

In der anfänglichen Schockphase sind Betroffene wie erstarrt, das Ereignis ist schwer fassbar. In dieser Phase ist im Kontakt mit betroffenen Personen folgendes hilfreich:

  • Da-Sein, zuhören ohne viele Fragen zu stellen
  • Mitgefühl und Verständnis zeigen
  • Trauernde in ihren Reaktionen nicht bevormunden
  • Trauernde dort unterstützen, wo sie überfordert sind

Quelle: Keine Angst vor Gefühlen – ein Praxisbuch von Johanna Adam und Ursula Hauer, cap-books 2016

Nach dem ersten Schock folgt die Protestphase, in der die Gefühle hervorbrechen: Wut, Trauer, Angst – vielleicht auch Freude. Fragen nach Gerechtigkeit und nach dem Sinn des Geschehenen drängen sich auf. Das hilft bei der Verarbeitung der teils widersprüchlichen Emotionen:

  • Das Wissen, dass Wut und Zorn ebenso normal sind wie depressive Stimmungen und Niedergeschlagenheit
  • Betroffene sollen ihre Probleme aussprechen können
  • Eigene Geschichten zurückhalten, keine Interpretationen oder wertende Stellungnahmen abgeben

Ein Schicksalsschlag geht meist mit einem Verlust einher: Wir müssen uns von geliebten Menschen verabschieden oder verlieren die Fähigkeit, je wieder alleine laufen zu können. Auch die Aufgabe der Eigenständigkeit oder der Verlust der Arbeitsstelle können mögliche Folgen eines plötzlichen Ereignisses sein. In der Lösungsphase beginnen Betroffene, sich mit ihrem Verlust auseinanderzusetzen und den Sinn des Lebens zu suchen. Gelingt es, sich trotz der Tragik innerlich wieder zum Leben zu bekennen, ist ein Schritt Richtung Zukunft möglich. In dieser Phase können Sie damit Unterstützung bieten:

  • Zuhören – Auch wenn Sie die Geschichten schon kennen
  • Geduldig sein und nicht auf das Akzeptieren des Verlusts drängen
  • Bei suizidalen Äusserungen Begleitung anbieten oder Hilfe anfordern

In der Phase der Neuorientierung kehrt allmählich Ruhe ein. Betroffene erkennen, dass das Leben weitergeht und sie selber für dessen Gestaltung zuständig sind. Neue Ideen und Pläne erhalten Raum. Mit diesen Reaktionen unterstützen Sie eine Person in dieser Situation:

  • Freude über neue Ideen
  • Akzeptieren, dass die Person wieder vermehrt eigenständig handelt und seltener um Unterstützung bittet
  • Auf allfällige Rückfälle achten

Welche Hilfe können Vorgesetzte anbieten?

Mitgefühl und Verständnis zeigen: Lassen Sie die/den Betroffene/n am Arbeitsplatz wieder ankommen und drücken Sie dann in einem geeigneten Moment Ihre Anteilnahme aus. Kommt die/der Mitarbeitende vorerst nicht zurück ins Büro, senden Sie einen persönlichen Kondolenzbrief oder eine Genesungskarte. Wenn Sie ein besonders gutes Verhältnis zur/zum Mitarbeitenden haben, können Sie – falls gewünscht – auch einen Besuch abstatten.

Zuhören und präsent sein: Hören Sie zu und seien Sie für die/den Mitarbeitende/n da. Versuchen Sie nicht, mit Erzählungen aus Ihrem eigenen Leben abzulenken, das Ereignis schön zu reden oder gar runterzuspielen. Vermeiden Sie Floskeln wie «das Leben geht weiter» oder Sätze wie «ich weiss, wie Du Dich fühlst.»

Engagiert bleiben: Vereinbaren Sie regelmässige Gespräche, um sich jeweils nach dem aktuellen Befinden der/des Betroffenen zu erkundigen und die Arbeitssituation eventuell an aktuelle Änderungen anzupassen.

Zeit lassen, Geduld haben: Drängen Sie die/den Mitarbeitende/n nicht, detailliert zu berichten wenn sie/er nichts von sich aus erzählen möchte.

Unterstützung anbieten: Klären Sie im direkten Gespräch, was für die/den Mitarbeiten-de/n von Seiten der Firma hilfreich und notwendig ist. Vielleicht benötigt sie/er freie Zeit für Organisatorisches, eine Arbeitszeitveränderung, einen Lohnvorschuss für dringende Zahlungen oder ganz einfach die Sicherheit und Struktur des gewohnten Arbeitsalltags.

Fürsorge nur soweit wie gewünscht: Jede und jeder Mitarbeitende ist anders. Manche stürzen sich in die Arbeit, andere brauchen Raum, um sich zurückzuziehen und möchten nicht mit Arbeit zugedeckt werden. Halten Sie die Grenzen ein, welche die/der Trauernde Ihnen aufzeigt.

Das Team informieren: Bereiten Sie Arbeitskolleginnen und -kollegen auf die neue Situation vor, indem Sie ihnen konkrete Handlungsanweisungen aufzeigen und plädieren Sie für Verständnis, Geduld und Unterstützung.

Hilfe anfordern: Sie müssen die Prozessbegleitung nicht allein bewältigen. Besprechen Sie mit der Personalabteilung oder der externen Betrieblichen Sozialberatung, wie man bei Krankheit oder Schicksalsschlägen am besten vorgeht.

Menschen brauchen nach einem Schicksalsschlag oft mehr als den eigenen Willen, um aus dem psychischen Loch herauszufinden, in das viele fallen: Es braucht Zeit, ein geduldiges Umfeld und wenn nötig professionelle Begleitung durch geeignete Fachpersonen. Diese thematisieren sowohl psychosoziale Aspekte als auch finanzielle und sozialversicherungstechnische Fragen, etwa zur Vorsorge.

Unsere aktuellen Seminare unterstützen Sie als Führungskraft, schwierige Fragen aufzuarbeiten und möglichen Belastungen frühzeitig entegegenzutreten.

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